Ghostwriting: über moralische Flexibilität

Quelle: Pixabay
Um nicht nur mein Autorendasein zu finanzieren, sondern auch den Kühlschrank zu füllen, bin ich als Ghostwriter tätig. Ich schreibe keine Biografien für reiche und berühmte Leute, sonder akademische Texte für Studenten, die das entweder nicht können oder keine Lust haben – oder beides. Das ist kein alltäglicher Beruf und ich hadere selbst ab und an mit mir, wo das wohl noch hinführen soll. Ghostwriting war eigentlich nicht mein primäres Karriereziel, denn eigentlich wollte ich ja was ganz anderes machen.



Die Jungfrau und das Kind
Ich habe eine Ausbildung, Berufserfahrung und habe studiert. Auch noch in einem Bereich, der allgemein als zukunftssicher gilt und ich eigentlich super Jobaussichten haben sollte. Ich hatte auch recht viele Vorstellungsgespräche, die so ziemlich alle recht gut verliefen. Nur leider kann ich nicht Vollzeit arbeiten. Ich habe zwei Kinder, die noch Fürsorge bedürfen und keinen Partner, der mir dabei helfen könnte. So könnte ich lediglich von 09:00 Uhr bis 15:00 Uhr arbeiten, weil ich dann eben die Kinder um die Ohren habe. Ist so. In diesem Land ist es allerdings absolut nicht wünschenswert, wenn man halbtags arbeiten möchte, weshalb ich unbrauchbar und nach meinem Studium und etlichen Vorstellungsrunden frustriert überlegte, wie ich mich aus meinem hartzigen Dasein befreien könnte. Ich beschloss, mich als Lektorin auf den Markt zu werfen. Ich hatte schon häufig mit Selfpublishern und jungen Autoren gearbeitet und war deshalb zuversichtlich, dass ich, wenn ich diesmal Geld für meine Leistung bekommen würde, dass es wenigstens für ein bisschen mehr Grün statt Rot auf meinem Konto sorgen würde.

Ich hatte mich also gerade als Lektorin selbstständig gemacht und es lief so lala, da bekam ich eine Anfrage von einer Agentur, die eine AutorIn für eine wissenschaftliche Arbeit suchte. Ich dachte erst, das wäre ein Scherz, doch dann entschied ich mich, dort anzurufen und nachzufragen. Bei der Anfrage stand nämlich auch das Honorar dabei und das machte schon Eindruck auf mich. Beim Telefonat stellte sich heraus, dass es sich tatsächlich um Ghostwriting handelte. Ich war völlig überrascht, dass es dafür auch noch Agenturen gibt, und ließ mich auf einen Probeauftrag ein. Und bin deshalb seit 1.5 Jahren Ghostwriter. 
Agentin Barbara
Ich schreibe grundsätzlich über Agenturen. Ich mache das so, weil ich sowohl mich, als auch die KundInnen schützen will. Über die Ghostwriting-Agenturen läuft alles anonym per mail ab. So kennen die KundInnen weder meinen richtigen Namen, noch kenne ich den Namen der KundInnen – mir hat einmal ein Kunde eine Vorlage für seine Abschlussarbeit geschickt, wo Name, Anschrift, Hochschule und Matrikelnummer draufstanden, das war nicht sehr schlau. Auf diese Weise sind wir beide geschützt, ich vor irgendwelchen Hassmails, falls eine Arbeite mal doch nicht so gut gelaufen ist, und die KundInnen vor meinen Rachegelüsten, wenn sie mich geärgert haben – und das kommt ziemlich häufig vor. Es gibt unzählige Ghostwriter-Agenturen, davon sind allerdings nur wenige seriös. Ich bin mittlerweile bei mehreren gelistet, wirklich arbeiten tue ich für zwei.
Es ist so, dass ich von der Agentur eine mail bekomme, die alle anderen AutorInnen ebenso erhalten. Darin stehen alle Eckdaten über die Arbeit, also Thema, manchmal Gliederung, Seitenanzahl, Sprache, Fachgebiet, Abgabedatum, Teillieferungen und natürlich das Honorar. Wenn es was interessantes ist, dann melde ich mich bei der Agentur und mit etwas Glück, bekomme ich dann auch den Auftrag. Wer glaubt, die Aufträge werden an die am besten passende AutorInnen gegeben, irrt sich leider. Es kriegt diejenige den Aufrag, der sich zuerst meldet. Ich könnte jetzt auch theoretisch eine Arbeit in der Physik schreiben, obwohl ich davon keine Ahnung habe.
Wenn ich den Auftrag angenommen habe, dann erhalte ich das Material, wenn es welches gibt, und kann loslegen. Manchmal habe ich noch Kontakt mit den KundInnen via Telefonkonferenz. Ich rufe dann zu einem ausgemachten Termin eine Nummer der Agentur an und bespreche mit dem Kunden, wo die Arbeit hingehen soll. Bei einer Agentur hieß ich Barbara, weil ich meinen echten Namen nicht sagen wollte. Dann schreibe ich, schicke Teillieferungen und übersetze die Änderungswünsche der KundInnen. 
Legalize it! – liebernicht
Es ist legal – zumindest für mich! Es ist tatsächlich so, dass mein Vertrag über eine „Schreibvorlage“ geht, nicht über eine Abschlussarbeit oder Seminararbeit. Den KundInnen ist völlig klar, dass sie den mitgelieferten Text eigentlich nur als Vorlage nutzen dürfen, um ihren eigenen Text zu verfassen. Das dem nicht so ist und die StudentInnen ihr Signum unter die Eigenständigkeitserklärung setzen, ist auch irgendwie jedem klar. 
Ich bekomme verschiedene Anfragen. Am Anfang dachte ich noch, dass sich vielleicht StudentInnen melden, die aufgrund von widrigen Umständen (Unfall, Kind gekriegt, Eltern gestorben etc.) ihre Arbeit nicht schreiben oder fortsetzen können. Leider ist das selten der Fall. Der Großteil ist einfach zu dumm oder zu faul, seine Arbeit selbst zu schreiben – beide Faktoren können auch signifikant korrelieren. Ich habe mal eine Anfrage bekommen, in der stand wortwörtlich: „Ich habe keine Lust auf meine Arbeit und verbringe die Semesterferien lieber am Strand auf den Malediven.“  ähm… ja… Häufig bekomme ich auch Anfragen, die ungefähr so lauten: „Es geht um Marketing. Der Autor möge bitte ein Thema finden und eine Forschungsfrage ausarbeiten. In drei Tagen brauche ich die Gliederung und ein Expose.“ What?! Es ist dann auch ganz besonder erquickend mit solchen KundInnen am Telefon zu sprechen … nicht. Ich arbeite mittlerweile nur noch mit Agenturen zusammen, wo ich KEINEN direkten Kontakt mehr zu den KundInnen habe. Das kostet echt Nerven… 
Fazit und Ausblick

Die staatlichen Organe gehen immer noch davon aus, dass die ProfessorInnen ihre StudentInnen kennen und ein Plagiat sofort auffällt. Dem ist schon lange nicht mehr so. Die Hörsäle sind überfüllt und die StudentInnen nur Matrikelnummern auf der Anwesenheitsliste. Nach meiner Erfahrung, lesen sich heute die ProfessorInnen nicht mal mehr die Arbeit durch, geschweige denn, dass sie sich wirklich damit auseinandersetzen. Die geben dann einfach Pauschal- oder Nasennoten. Da braucht man sich echt nicht zu wundern, wenn es Leute gibt, die diese Lücke ausnutzen.
Es ist nun mal so, dass Ghostwriting zu einem Markt geworden ist. Die KundInnen können eine Dienstleistung ordern und die wird bestmöglich erfüllt. Daran halte ich mich auch fest: ich erbringe eine Dienstleistung. Die Vorteile überwiegen für mich momentan. Ich kann von daheim arbeiten, habe ein gutes Einkommen und kann trotzdem auf die Kinder aufpassen. Zudem finanziere ich damit meine eigenen Veröffentlichungen – das ist teuer! Ich hätte gern etwas anderes gemacht, aber leider ist in der Wirtschaft kein Platz für Alleinerziehende. Mir ist aber klar, dass ich Ghostwriting nicht ewig machen kann. Es ist super anstrengend und es frustriert mich schon manchmal, dass jemand anderes die Lorbeeren dafür einheimst, die ich ihm verdient habe. Auf der anderen Seite gibt es moralisch verwerflichere Berufe, die ich stattdessen ausüben könnte. 

4 Gedanken zu “Ghostwriting: über moralische Flexibilität

  1. Anonym schreibt:

    Hallo. Dieser Beitrag hat mich nun, nachdem ich gerne die bisherigen Beiträge gerne gelesen habe, nun doch dazu bewogen diesen BLOG zu abonnieren. Und nun kommt ein Bericht mit meinen Erfahrungen aus meiner Studentenzeit…..Ghostwriting gab es auch schon vor zig Jahren. Als ich damals vor etwa 20 Jahren Jura studierte nannte man es an den \“Schwarzen Brettern\“ der Uni \“Hausaufgabenkorrekturhilfe\“. Sie wurde angeboten für einfache Schreiben, Examen und Doktorarbeiten. Während ich wochenlang in den Semesterferien in der Bibliothek saß und Hausaufgaben schrieb haben andere Mitstudenten die Zeit gehabt wochenlang Ferien zu machen oder Ferienjobs nachzugehen. Ich dachte derzeit in der Tat, dass diese seeehr effektiv Ihre Hausaufgaben schrieben. Aber so langsam realisiere auch ich, dass dies nicht die volle Wahrheit gewesen sein kann.Es gab dereinst auch unter Examenskandidaten das Gerücht, dass man gegen Engelt Klausuren für jüngere Studenten schreiben konnte. Damit hätte man als Examenskandidat auch direkt einen Übungseffekt gehabt. Wie kann das nicht auffallen? Hier ein Erklärungsversuch, der in die Richtung des BLOGeintrags geht:In den Klausuren mit 100 – 200 Studenten sitzt üblicherweise eine studentische Hilfskraft. Der/die Professor/-in verteilt in der Regel nur die Klausuren. Weder die Professoren, erst Recht nicht die studentischen Hilfskräfte können prüfen, ob die Teilnehmer zu Recht mitschreiben. Oftmals erscheinen die Prüflinge eher selten zu den regulären Vorlesungen bzw. können diese oft nur durch die Vorlage eines Studentenausweises als Studenten ausgewiesen werden. Insbesondere im Studiensystem mit Scheinen kommen die Prüflinge aus vielen verschiedenen Semestern. Bei den Korrekturen der Klausuren / Hausaufgaben werden üblicherweise studentische Hilfskraftebeauftrag. Als Hilfsmittel erhalten diese eine Lösungsskizze (und im Idealfall eine kurze Einweisung). Die Entlohung erfolge zu meiner Zeit nach Anzahl der überprüften Arbeiten und nicht nach Zeitaufwand. Dies führte oft dazu, dass die Arbeiten nur schnell und oberflächlich geprüft wurden. Bei einer Klausur von 3 Zeitstunden und etwa 20 Seiten blieb eine Korrekturzeit von geschätzt 10 – 15 Minuten. Nur dann war der Stundenlohn annehmbar. Den Professoren kann man dabei kaum einen Vorwurf machen. Bei der schieren Masse wäre die Prüfung der Arbeiten für eine Person alleine zu viel Aufwand. Stattdessen wurden die Korrekturen von den Professoren stichpunktartig überprüft.Es gab zu meiner Zeit mal den Fall, dass die wortgleichen Hausaufgaben von verschieden Korrektoren geprüft wurden. Es war schon Glück, dass dies den Prüfern nicht aufgefallen ist und beide Prüflinge bestanden. Aber der eine Student beschwerte sich dann beim Professor, dass seine Note nicht so gut war wie bei seinem Kollegen. Das Ende der Aktion kann man sich wohl vorstellen….. Danke, dass Du bis hierhin gelesen hast. Hier nun mein Fazit:Die schriftlichen Prüfungen sind mit dem derzeitigen System der Universitäten und der hohen Anzahl von Studenten nicht mehr geeignet die Qualität bzw. die fachliche Eignung zu belegen. Das Prüfsystem sollte in einigen Bereichen deutlich reformiert werden. Leider habe ich dafür selber noch keinen Lösungsansatz…..

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  2. Jana schreibt:

    Das geht mir auch so… Ich habe meine Arbeit damals extra in einem Hotel an der Seiser Alm geschrieben und viel Zeit investiert… Ghostwriter sind da einfach ungerecht und illegal

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  3. Jacquy schreibt:

    Super interessanter Beitrag. Ich wusste, dass es Ghostwriter für Uniarbeiten gibt, aber natürlich melden sich die wenigsten da öffentlich und erzählen etwas darüber. Ich stelle mir die Arbeit an sich auch gar nicht schlecht vor, gerade wenn man selbst die Themen aussuchen kann.Da man häufig mit dem \“Keine Lust\“-Typ zu tun hat, der im Idealfall noch unorganisiert ist, würde mich aber auch stressen und frustrieren. Eine anständige Frist und Hintergrundinfos würde ich da auch voraussetzen, sonst ist am Ende niemand mit dem Ergebnis glücklich.Moralisch kann man das sicher unterschiedlich sehen, ich finde das aber nicht verwerflich. Persönlich bin ich eher jemand, der den Leuten nicht gönnen würde, zu bestehen, wenn sie selbst nichts dafür getan haben, aber da man das ja nicht aus Freundlichkeit macht, sondern für den Lebensunterhalt, sieht das noch mal anders aus. Ich weiß, sowas fragt man eigentlich nicht, aber magst du anhand eines Beispiels verraten, wie viel die Leute so bezahlen, damit du ihre Arbeit machst? Ich bin jetzt wirklich neugierig.

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