Schreiben: let´s write about Sex, Baby

Wenn ich mir die aktuellen Bestseller anschaue, möchte ich fast denken, dass der Beischlaf zu einer der wichtigsten Komponente der Story geworden ist. Wo früher solche Bücher, in denen die ProtagonistInnen zwei bis drei mal miteinander schlafen, noch als Pornografie abgestempelt wurden (Siehe „Salz auf unserer Haut“, 1988), wird sowas heute in die Regale für Jugendliteratur gestellt. Aufklärungsbücher sind das mitnichten. Und aus irgendeinem Grund ähneln sich nicht nur die Charaktere auf verblüffende Art und Weise, auch der Beischlaf scheint genauso kreativ und abwechslungsreich, wie der in einer 30-jährigen Ehe.

Let´s write about you and me

Nun, es fällt schon auf, dass die Charaktere in den Büchern genauso austauschbar und nichtssagend sind wie irgendeine Integralrechnung im Mathebuch der Schule. Die Kerle sind alle gleich. Die Mädels auch. Sie haben weder Hobbies, noch Freunde, noch irgendwelche Interessen und ihre einzige Aufgabe in den Büchern scheint darin zu bestehen, dem Kerl hinter zu sabbern. Die Kerle sind immer beliebt, immer schön und immer irgendwie arschig, arrogant und rücksichtslos. Da wundert es doch eigentlich gar nicht, dass der Sex ebenso geschmacklos wie langweilig geschieht.
Selbst in Fantasy-Geschichten müssen die Charaktere zwingend miteinander ins Bett, weil „es sonst nicht romantisch ist“. Aber eigentlich ist an den Szenen einer Beziehung in den aktuell beliebtesten Büchern überhaupt nix romantisch, sondern eher gruselig. Denn eine richtige Beziehung scheinen die Charaktere nicht aufbauen zu können, sobald sie erkennen, dass sie sich halbwegs mögen … schwupps… begeben sie sich hin die Horizontale. Da dies relativ früh in den Geschichten passiert, bleibt der AutorIn meist gar nichts anderen übrig als „zur Würze“ eine dritte Partei mitspielen zu lassen. Da man sich ja vorher keine Gedanken über die Art der Beziehung gemacht hat und wie die beiden ProtagonistInnen dann miteinander umgehen, stellt sich die „Liebe“ zwischen den beiden auch ziemlich öde dar. Da muss man sich halt was ausdenken und weil man solche Geschichten am Fließband produziert, will man keine Zeit für Kreativität verplempern und greift einfach auf bewährte Mittel zurück.

Let´s write about all the good things …

Gehen wir erstmal zu den guten Sachen über, gemäß dem Motto: erst loben, dann kritisieren.
Es gibt bestimmt Geschichten, wo Sex reinpasst und /oder auch schön beschrieben wird, so dass man sich tatsächlich noch was darunter vorstellen kann. Und eigentlich ist es ja auch nicht schlecht, die ProtagonistInnen miteinander schlafen zu lassen, immerhin leben wir nicht mehr in den 80ern, wo sowas absolut verpönt war. Und auch eindeutig beschriebene Szenen werden heute nicht mehr als Pornografie bezeichnet, sondern gehören einfach dazu. Vielleicht können sich die LeserInnen sogar noch etwas abschauen oder sich Tipps holen. Lesen soll ja die Kreativität steigern.
… and the bad things that may be…

Es spricht ja nichts im Allgemeinen gegen Sex. Es ist nur so, dass es überhand nimmt und einen Stellenwert in Büchern einnimmt, der der Sache einfach nicht wert ist. Das schlimme dabei ist: es trägt nichts, absolut nichts, zur Story bei. Wo früher noch Dialoge zwischen den ProtagonistInnen entstanden, dürfen wir heute direkt an ihrem Sexualleben teilhaben. Warum sollte man in einer Liebesgeschichte auch miteinander reden?
Ich habe mir die Sex-Szenen in einigen Büchern einmal angesehen und habe wirklich seufzend vor dem Bildschirm gehockt – nicht weil ich besonders viel Spaß daran hatte, sondern vor Enttäuschung. Ich hatte ja tatsächlich gehofft, einmal ein paar einschlägige Szenen zu lesen, wo ich mir eventuell sogar ein paar Tipps holen könnte als Autorin. Leider wurde ich schwerlich enttäuscht.
Die Mädels werden in den Büchern beinahe grundsätzlich von den Herren der Schöpfung dominiert, die geben sich hilflos, willenlos und lassen alles mit sich machen – teilweise, weil sie keine Ahnung haben oder schlicht ziemlich dumm sind. Sie haben keine eigenen Vorstellungen oder Vorlieben, und stehen sowieso immer zur Verfügung wie ein Jungpionier in der DDR (Allzeit bereit? Immer bereit!). Dass sie mal keinen Bock auf den Kerl haben, kommt äußerst selten vor, und wenn, dann lassen sie sich doch noch „überreden“.
Die Szenen an sich ähneln sich so dermaßen, dass man meinen könnte, die AutorInnen hätten von einander abgeschrieben. Es geht hauptsächlich darum, dass der Kerl das Mädel auf den Boden/gegen die Wand/aufs Bett drückt, sie küsst und dann folgt auch schon die Penetration. Ein Vorspiel besteht aus … nichts … Gibt es einfach nicht – ist vielleicht überflüssig oder gar nicht gewollt. So lese ich Szenen, in denen ein Kerl ankommt, zwei Worte mit der Protagonistin wechselt und sie dann auch schon besteigt. In einer Szene, in der das Mädel wohl gerade mal doch keine Lust auf eine körperliche Vereinigung hat, steckt ihr der Kerl mal eben die Hand in die Hose – und schon ist sie umgestimmt. Also nicht nur, dass ich einem Kerl die Hand abhacken würde, sollte sie ungefragt in die Nähe meines Schritts wandern, habe ich selbst noch nicht erlebt, dass ein simples Hand-in-die-Hose-Stecken schon dazu führt, dass man bereit ist, sich dem/derjenigen (die/den man vorher auch noch kacke fand) plötzlich hinzugeben. In einem anderen Buch wird das Mädel in einer Art Jungs-WG herumgereicht und jeder darf mal drüber rutschen. Das alles schick verpackt in einer fadenscheinigen Liebesgeschichte. Es ist immer der gleiche Murks. Sogar die Wortlaute, mit denen diese Szenen beschrieben werden, ähneln sich.
Von der Szene selbst kriegt man meist wenig mit. Es wird beschrieben, wie er über sie herfällt, dass sie sich „hingibt“, sich „fallen lässt“ etc. und schon ist die Sache auch wieder vorbei. In einem Buch, das ich einmal lektoriert habe, wird die ganze Geschichte über darauf hingesteuert, dass die beiden ProtagonistInnen miteinander im Bett landen. Dann, als endlich der Moment gekommen ist, besteht die ganze Szene aus drei Sätzen: Sie zieht ihn aus, er zieht sie aus, dann küssen sie sich, Ende. Am nächsten Morgen wacht sie auf und denkt sich: WOOOOW, das war das BESTE! Ich habe mittlerweile wirklich die Befürchtung, dass Sex für die AutorInnen wirklich nur drei Sätzen besteht. Mein Mitleid hält sich allerdings in Grenzen.
Fazit
Sex nimmt einen viel zu hohen Stellenwert in den Geschichten ein. Es scheint fast so, als hätten die AutorInnen zuerst die Sexszene geschrieben, und erst danach begonnen, eine Geschichte drumherum zu spinnen. Damit könnten auch die zusammengehackten Storylines erklärt werden. Liebe Sexszenen-Schreiberlinge, meint ihr nicht, dass die LeserInnen eurer Geschichten nicht doch etwas mehr Kreativität verdient hätten? Wofür schreibt ihr denn sonst so einen Kram, wenn nicht für eure LeserInnen? Oder soll das ganze als therapeutisches Schreiben dienen, weil ihr genauso so schlechten Sex habt und euch den Kummer von der Seele schreiben müsst? Ich hoffe nicht! Ehrlich! Ich wünsche jeder Frau (ja, auch jedem Mann… Moment… nein, doch nicht jedem) ein erfülltes Sexualleben, sodass mir nicht nur die ProtagonistInnen in den Büchern leid tun, sondern auch die Mädels und Frauen, die das lesen und glauben, dass Sex immer so ausschaut.

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