Ghostwriting: Lästerschwester

Ich wurde von mehreren meiner FreundInnen gebeten, einmal über meine KundInnen zu schreiben, die meine Dienste als Ghostwriter in Anspruch nehmen. Dies rührt daher, dass sich wohl manche von der Arbeit eine recht verklärte Vorstellung machen. Selbst ich habe zu Beginn meiner Tätigkeit geglaubt, die KundInnen und ich würden zusammenarbeiten und die KundInnen wären für meine Dienstleistungen dankbar. … … Nein. Dem ist nicht so. Mir wurde ziemlich schnell und sehr deutlich klar, dass ich hier als Dienstleisterin in einem Markt gesehen werde. Und so verhalten sich die auch die AuftraggeberInnen. In diesem Artikel erzähle ich ein bisschen aus dem Nähkästchen.

Nun, seinen Text fremdschreiben zu lassen, erfordert ein gewisses finanzielles Polster oder den Willen für ein paar Monate auf verdammt viele Dinge zu verzichten – oder reiche Eltern. Es ist mitnichten so, dass mich nur „reiche“ KundInnen beauftragen. Die meisten sind schlichtweg … dumm – sorry, muss ich so sagen. Und wenn ihr meinen Text zu ende gelesen habt, denkt ihr bestimmt genauso.
Ich hatte mal einen Auftrag, es ging um Digitalisierung in der Industrie und die Auswirkungen auf verschiedene Bereiche. 60 Seiten sollten geschrieben werden. Die ersten 15 Seiten hatte der Kunde bereits verfasst, jedoch war damit sein Professor nicht einverstanden (am Thema vorbei), weshalb er sich nun an mich wandte. Mir blieben 4 Wochen Zeit. 
Bereits das erste Telefonat stieß mir sauer auf. Ich verbrachte an einem Freitagabend tatsächlich 1 geschlagene Stunde damit, dem Kunden zu erklären, wie ich die Arbeit aufziehen wollte. Hauptsächlich jedoch beruhigte ich ihn, weil er Angst hatte, durchzufallen. Er wollte zu diesem Zeitpunkt bereits ganz genau wissen, welche Unterpunkte ich unter die einzelnen Hauptpunkte setzen wollte und gab mir genaue Anweisungen, welche Themen in unbedingt behandeln sollte, dabei sollte dies nur ein Vorab-Gespräch sein, um den Rahmen abzustecken. Gut und schön. Normalerweise dauert so ein Gespräch ca. 15 min. Ich durfte meine Verabredung absagen, mit der ich ins Kino wollte.
Ich korrigierte also den bestehenden Teil, schrieb einiges neu, übersetze neu, fügte neue Quellen hinzu und schloss mit einigen Seiten mehr an. Ich schickte dem Kunden eine Teillieferung, dann hörte ich zwei Wochen lang nichts, stattdessen fragte er mich nach einer weiteren Teillieferung. Ich sagte ihm, ich würde noch auf sein Feedback warten. Die Agentur nötigte mich jedoch, weiterzuschreiben. Ich schrieb also, schickte erneut eine Teillieferung und bat um Feedback. Ich möchte nicht eine ganze Arbeit schreiben und dann hinterher erfahren, dass alles Mist ist und noch mal von vorn beginnen. Dies erklärte ich dem Kunden, der jedoch berief sich darauf, dass sein Prof krank oder im Urlaub sei und er ihn deswegen nicht fragen könne. Ich sagte ihm, dass er doch selbst wissen müsse, was in seiner Arbeit stehen soll und ob er sich das einmal durchgelesen hat, was ich da geschrieben habe.

„Ja, das habe ich natürlich durchgelesen.“
„Na, dann können Sie mir doch auch sagen, ob ich so weitermachen kann oder wo ich in eine andere Richtung gehen muss.“
„Ja, also“ blätter blätter „Die Arbeit ist auf jeden Fall schön geschrieben. Ich sehe auch schöne Übergänge und so.“
WHAT?

Ich wendete mich an die Agentur, dass ich keine Anhaltspunkte habe, der Kunde mit dem Feedback nicht rausrückt und wenn ich jetzt weiterschreibe, ich dann auf keinen Fall dafür gerade stehe. Das Abgabedatum hatten wir dann auch irgendwann überschritten, weil sich der Kunde einfach nicht meldete. Immer schob er seinen Prof. vor, der angeblich nie da war. 
An einem weiteren Telefontermin, der 2 Stunden andauerte, wollte er haarklein wissen, in welchen Worten ich welche Prozesse beschreiben wollte. Nachdem ich ihn wieder ewig beruhigt hatte, meine Herangehensweise bis ins Kleinste dargelegt hatte, fragt er mich zum Schluss tatsächlich: „So, wie machen wir denn jetzt weiter, hm? Was schreiben Sie als nächstes?“ Die Telefonate fanden übrigens immer abends statt, weil der Kunde zu keiner anderen Zeit konnte. Wer´s glaubt. Mich hat er jedenfalls immer um meinen wohl verdienten Feierabend gebracht.
Ich schreibe der Agentur, dass das so nicht geht und ich keine Telefonate mehr mit dem Kunden führen will. Ein Feedback hatte ich ja auch immer noch nicht und ich war bereits dabei, den letzten Teil zu schreiben. Der Kunde hatte mir versichert, dass er das Fazit unbedingt selbst schreiben wollte, also schickte ich ihm den letzten Teil ohne Fazit. Man errät es schon: kein Feedback. Ich habe einfach nichts bekommen. Wir hatten mittlerweile 3 Monate an dem Ding gesessen, ohne Ergebnis. 

„Ich verstehe aber gar nicht, warum Sie von MIR ein Feedback haben wollen. Das macht doch immer der Professor.“
„Naja, eigentlich läuft das so, dass Sie mit Ihrem Prof das Thema und den Rahmen absprechen und dann die Arbeit schreiben. Allein. Ab und an, wenn Sie Fragen haben, rufen Sie dann Ihren Prof an und holen sich Rat. Aber ansonsten schreiben Sie die Arbeit allein.“
„Ach ehrlich?“
„Ja, so ist der normale Ablauf.“
„Aber nein, Barbara, das verstehen Sie falsch. Wissen Sie, ich bin ja an einer Privatschule, da läuft das alles gaaaaanz anders. Da bestimmt alles der Professor.“

Das glaube ich kaum, denn ich schreibe sehr viel für Privatschulen und da  läuft das ganz genauso ab, wie an staatlichen Universitäten.
Aber dann: der Kunde hatte tatsächlich den Prof. erreicht, das Feedback sandte er mir sofort zu. Es bestand aus einem einzigen Satz: „Die Arbeit sieht gut aus, aber machen Sie mal einen Absatz hier, damit die Fragestellung besser rauskommt.“ Das war alles! Ich warte 3 Monate auf das da?
Ich schreibe also auch noch das Fazit. Es folgt ein weiteres Telefonat mit dem Kunden. Er entschuldigt sich, dass er mich so lange hinhält.

„Sie wissen ja gar nicht, wie ich mich fühle.“
„Doch, eigentlich schon.“
„Haben Sie denn eigentlich schon mal eine solche Arbeit geschrieben?“
Ich muss laut lachen.
„Doch schon?“
„Mal abgesehen von meiner eigenen Abschlussarbeit? So ungefähr 25.“

Nun denn, ich hatte den Auftrag im August angenommen, im September sollte der fertig sein. War er aber nicht. Ich habe dann Anfang Dezember auf mein Honorar bestanden, weil der Kunde schließlich die komplette Arbeit hatte. Abgegeben hat er  sie allerdings erst … keine Ahnung. Ich habe noch zwischen Weihnachten und Neujahr Anfragen diesbezüglich bekommen. Der Kunde wollte unbedingt seinen Teil zum Fazit beitragen. Nachdem er mir mehrere Versuche schickte, schrieb ich ihm, er sollte die Finger von der Arbeit lassen, er würde sie nur  noch versauen. Danach hat er sich jedenfalls nicht mehr gemeldet.
Es kam dann auch übrigens noch raus, dass der Kunde bereits 2 Mal durch die Abschlussarbeit gefallen war, weil er Mist geschrieben hatte. Ich war nun sein letzter Versuch.

2 Gedanken zu “Ghostwriting: Lästerschwester

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