Frauen in der Fantasy: die graue Frau

Ich bastel gerade an dem Plot für mein neues Projekt und beschäftige mich sehr mit meiner Protagonistin. Bei meinem Debüt wurde mir vorgeworfen, meine Gwen wäre eine Bitch (Zitat) und so war ich gezwungen, sie weicher zu zeichnen, als ich es eigentlich vorgehabt hatte. Es fällt mir nun nicht leicht, eine Frau in die Hauptrolle zu stecken, wenn ich versuche, sie an die Wünsche der LeserInnen anzupassen. Und um ehrlich zu sein, habe ich darauf auch keine Lust.

Ich mag die Frauen in meinen Geschichten. Ich bringe ich sehr viel von meinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen mit in meine Bücher ein. Schon deshalb kann ich meine Protagonistinnen nicht einfach so darstellen, dass sie von jedem gemocht werden können. Und es heißt ja auch, dass die Hauptcharaktere Ecken und Kanten haben sollten. Ich habe mich also auf Recherche begeben, vielleicht haben andere AutorInnen ja eine Lösung für mich parat.
Ich glaube schon, dass viele LeserInnen starke Frauen in den Romanen lesen möchten und auch, dass AutorInnen denken, ihre Protagonistinnen wären starke, selbstbewusste Individuen. Das sehe ich vor allem an den heftigen Diskussionen, die meine Artikel häufig bei Facebook auslösen. Es wird sich gerechtfertigt und verteidigt, man selbst habe ja schließlich tolle Charaktere. Komischerweise treffe ich ständig auf den einen bestimmten Typ Mädchen/Frau: Ein unscheinbares Ding ist neu in der Schule/der Firma/irgendwo anders. Sie ist wunderschön, weiß es aber nicht. Sie ist schlau, wendet ihr Wissen aber nicht an. Sie hat einen starken Willen, setzt sich aber nie durch.
Ich kann also sehen, dass viele AutorInnen vor diesem Problem stehen, dass ja eigentlich starke Frauen gewünscht sind, jedoch nicht zu stark und nicht zu selbstbewusst. Irgendwo muss ja noch der Platz für den Helden mit Testosteron bleiben. Die Vorwürfe reichen von „Was für eine Bitch!“  über „Die ist zu alt.“ bis hin zu „Das macht keine Frau! Das darf sie nicht.“ so kommen im Endeffekt Charaktere heraus, die jung sind, schön, keine Laster haben, keine Charakterschwächen, keine herausragenden Fähigkeiten und demnach einfach nichts besonderes mehr sind. Graue, nichtssagende Gestalten, die aber von jedem irgendwie gemocht werden (Grau ist übrigens eine Farbe, die irgendwie von jedem Menschen gemocht wird – deshalb ist auch die Ausstattung vieler öffentlicher Gebäude in dieser Farbe gehalten.) Als letztes Mittel wird der Protagonistin dann rote Haare gegeben, damit sie wenigstens auf irgendeine Art was Besonderes ist. 
Oder aber sie ist „die Auserwählte“, wobei man sich dann fragt: Warum? Wenn sie doch nichts kann und nicht mal einen ordentlichen Charakter hat, wieso ist sie dann diejenige welche? Jaja, Entwicklung während der Geschichte blablabla. Aber wohin entwickeln sich solche Protagonistinnen denn? Ich sehe nicht, dass sie am Ende selbstbewusst sind, eigene Entscheidungen treffen, einen eigenen Willen haben oder herausgefunden haben, dass sie es super finden, die Nacht durchzufeiern und bei Tagesanbruch den Kopf in die Kloschüssel zu hängen. Männliche Protagonisten machen das durchaus – weibliche nicht. Genauso wie Frauen auch nicht feiern gehen, viele Freunde haben, rauchen wie Schlote oder fluchen.
Nicht einmal mit 16 Jahren hätte ich mich in einer grauen Protagonistin wiedergefunden, heute erst recht nicht. Wenn ich mir mal die Romane anschaue, die es für dieses Alter gibt, wird mir etwas schlecht. Die Mädels haben nicht mal Freunde, keinen eigenen Musikgeschmack, keinen eigenen Stil oder sonst was eigenes. Das meiste ist eh Fantasy mit Romance gekoppelt, wo es im Endeffekt nur darauf hinaus läuft, dass das Mädel den Kerl abkriegt. Von Entwicklung der Charaktere kann hier also kaum die Rede sein.
Ich bin mir nicht sicher, ob es die Angst dahinter ist, dass das Buch vielleicht nicht gelesen wird, dass es so viele graue Frauen in Büchern gibt? Eine graue Protagonistin gibt es auch im Reallife nicht, weshalb sollte sie also in Büchern existieren? 

2 Gedanken zu “Frauen in der Fantasy: die graue Frau

  1. Diandra schreibt:

    Solche Beschwerden habe ich auch schon öfter gehört … Charakter X sei zu vorlaut, die Y scheuche immer ihren Freund herum, und diese Z überhaupt, so männerfeindlich und aggressiv! Dabei sind die eigentlich voll nett – nur eben nicht auf den Mund gefallen und nicht solche weinerlichen Prinzessinnen. Weinerliche Prinzessinnen haben nämlich noch nie die Welt gerettet. Eine Protagonistin, die eigentlich nur als Deko für den tollen Helden herhält (wie so eine Fuchsstola), geht mir auf den Sack. Oder diese schrecklichen \“Ich bin so perfekt und schüchtern\“ Leute … ARG! Mit denen würde ich ja nicht einmal befreundet sein wollen. ^^ Zurück zum Ernst … ich habe die (unbestätigte) Theorie, dass Leute, die solche Protagonistinnen bevorzugen, darin ihre eigenen Schwächen wiederfinden, und in diesen Büchern dann ihre Schwächen \“geheilt\“ sehen, wenn der supertolle Typ sie trotz ihrer Schwächen liebt und für etwas ganz besonderes hält. Quasi, \“Hach, vielleicht bin ich in Wahrheit auch total schön und der niedliche Rockstar verliebt sich in mich, weil ich so anders bin\“. (Wir wissen natürlich ALLE, dass das nicht passiert. Aber wir träumen gerne.)

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  2. Anonym schreibt:

    Nur mal so n Kommentar von nem Typen:Ich habe kein Problem mit atypischen Charakteren in Frauengestalt. Gwendolyn habe ich als (aus Männersicht) herausfordernden, aber auch durchaus interessanten Charakter empfunden. Lass Dir von einer einzigen Kritik (\“bitch\“) nicht den Charakter beeinflussen. Zieh deinen Stil durch. Echt jetzt. Wie willst Du sonst aus der Masse der Autoren/innen hervorstechen? Wie willst Du deine Charaktere gegen Kritiker verteidigen, wenn Du selbst nicht hinter deren Entstehung oder Entwicklung stehst?Bei George R. R. Martin kann ich mir beim seinen Werken nicht vorstellen, dass er sich nach den Reaktionen seiner Leser gerichtet hat. Schließlich sterben bei ihm auffällig häufig beliebte Charaktere. Das gefällt den Lesern üblicherweise nicht. Dennoch kommt man heute kaum um seine Bücher herum.

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