Nachhaltige Verantwortung übernehmen

Es geht mal wieder heiß her am Autor*innensonntag. Das Thema war diesmal die Verantwortung von Autor*innen und Verlagen. Viele meiner befreundeten Autor*innen verfassten Beiträge auf den sozialen Medien und ihren Blogs, in denen sie aufzeigten, wie wichtig es ist, WAS eine*r schreibt. Doch es gibt auch immer Gegenstimmen: „Ich sehe kein Geschlecht/Hautfarbe/sozialen Hintergrund/alles andere, warum sollte mich das etwas angehen?“ Jaaaa, warum sollte dich (fremdes Elend) etwas angehen?

Spoiler: Meine Bubble ist natürlich super. Wir machen uns Gedanken um die Repräsentation marginalisierter Personengruppen, um die Darstellung und Verarbeitung von Rassismus, Sexismus und jeglicher Art von Diskriminierung sowie verwenden viele Autor*innen bereits Content Notes, um auf für manche Personen schwierige Inhalte hinzuweisen. Nicht immer gelingt uns das perfekt, aber wir geben uns Mühe und lernen dazu. Das heißt, wir übernehmen Verantwortung für unsere Texte, egal ob wir selbst schreiben oder verlegen. Für die Leute, die noch nicht erfasst haben, warum das wichtig ist, erkläre ich das mal ganz rationell und wissenschaftlich. Denn die Wissenschaft gibt auf alles eine Antwort, man muss nur wissen, wo man suchen muss.

Fangen wir von vorne an.

Die Dreifaltigkeit

Bei der Definition, was Nachhaltigkeit ist, spielten zunächst die Aspekte Ökonomie und Ökologie eine vordergründige Rolle. Die heutige Auslegung des Begriffs der Nachhaltigkeit wird ergänzt mit der Dimension der Gesellschaft: «Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.» (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, 2020). Die Dreifaltigkeit der Nachhaltigkeit ist demnach ein Drei-Säulen-Modell, worin Ökologie, Ökonomie und Soziales als grundlegende Säulen das Dach der Nachhaltigkeit stützen. Das Konzept ist nicht neu, bereits 1992 wurde im Rahmen der United Nations Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCHE) in Rio de Janeiro die Agenda 21 beschlossen, die ein Aktionsprogramm für globale und nachhaltige Entwicklung darstellt. Ihr könnt also nicht die Freitagsdemos dafür verantwortlich machen. Unternehmen, insbesondere internationale Aktienunternehmen, sind angehalten, sich dies zu Herzen zu nehmen und basierend auf diesen drei Säulen zu agieren – die Politik übrigens auch.

VW hat es ja in den letzten Jahren nicht so geil hingekriegt, mit der Säule der Ökologie. Und wenn wir jetzt in Krisenzeiten beobachten können, wie sich Aktionäre mehrere Millionen auszahlen lassen, währen die Belegschaft in Kurzarbeit ist, dann können wir auch erkennen, dass die Säule des Sozialen offenbar gern mal übersehen wird, wenn sie nicht ins Konzept passt. Sieht nicht schön aus. Aber wenigstens läuft die Economy. Dass eine Säule ein Haus nicht tragen kann, ist nachzuvollziehen.

Ich bin Autor*in, warum sollte ich mich als Unternehmen sehen? Nett, dass du fragst. Ich erkläre es dir.

Unternehmer*in im Literaturbetrieb

Ein*e Autor*in und ein Verlag kann man beide als Unternehmen betrachten. Beide sind eine Marke. Daher spezialisieren sich viele Autor*innen auf ein bestimmtes Genre (z.B. Phantastik) oder Subgenre (z.B. Steampunk, Horror, Urban). Es gibt viele Autor*innen, die gern Romance schreiben, es gibt andere, die lieber Thriller schreiben. Daraus kann eine Marke entstehen: „Diese*r Autor*in schreibt super gute Liebesromane, ich lese alles von ihm*ihr.“ Bei einem Verlag ist das genauso. Ein Verlag, insbesondere kleinere und mittlere Verlage, spezialisieren sich meist auf bestimmte Genres, z.B. Phantastik mit einigen Subgenres. Man auch bei großen Verlagen erkennen, dass sich diese mittlerweile in Sparten organisieren oder bestimmte Genres oder Textarten nicht verlegen. Es werden Marken geformt – also Brands.

Sowohl Autor*in als auch Verlag sind Unternehmen. Egal, ob ich als Autor*in im Selbstverlag oder Selfpublishing veröffentliche oder ausschließlich über einen Verlag. Trotzdem agiert ihr als Unternehmen. Der Beweis ist eure Steuererklärung. Zwar seid ihr keine AG, sondern vielleicht ein Einzelunternehmen oder Freiberuflich, aber auch das ist ein Unternehmen. Bei einem Verlag ist es klar.

Das heißt, als Unternehmen seid ihr von der UNCHE angehalten, euch an die Dreifaltigkeit der Nachhaltigkeit zu halten.

Wie du das machen kannst? Pass auf …

Nachhaltigkeit im Literaturbetrieb

Als Unternehmer*in bist du für alle drei Säulen verantwortlich: Ökonomie, Ökologie und Soziales. Gehen wir die Säulen nacheinander durch:

Ökonomie: Als Unternehmen bist du natürlich angehalten, so zu wirtschaften, dass deine Organisation so viel Geld abwirft, dass sie sich selbst halten kann und vielleicht noch Gewinn einfährt. Das geht nicht immer sofort, gerade bei Neugründung eines Verlages oder wenn man frisch als Selfpublisher*in das Debüt-Werk auf den Markt wirft, kann der Erfolg auch mal längere Zeit auf sich warten lassen. Ziel ist es dennoch, darauf hinzuarbeiten, dass es sich finanziell lohnt. Verlage sollten so arbeiten, dass die Kosten gedeckt sind und die Autor*innen ausgezahlt werden können. Autor*innen möchten das, was sie in die Veröffentlichung des Buches investiert haben, auch wieder reinkriegen.

Ökologie: Die Ökologie zu berücksichtigen könnte zum Beispiel bedeuten, nicht in einer unnütz hohen Auflage zu drucken, Umweltpapier zu verwenden oder auch die Bücher in der Druckerei nicht in Plastikfolie einschweißen zu lassen. Als Selfpublisher*in könnt ihr zum Beispiel auf Anfrage drucken und nur zu Messen oder Lesungen größere Mengen drucken lassen. Papierverschwendung vermeiden. Auf Messen können statt Plastiktüten Papiertüten oder Stoffbeutel ausgegeben werden. Das kann man jetzt noch weiterführen: Eco-Glühbirnen, nachhaltige Heizmittel etc. im Büro (Zuhause). Das muss in diesem Zusammenhang nicht weiter ausgeführt werden.

Soziales: Die Gesellschaft spielt eine wichtige Rolle. Ein Verlag handelt zum Beispiel sozial, wenn er die Tantiemen pünktlich und korrekt auszahlt, wenn er seinen Angestellten und Autor*innen korrekte Arbeits- bzw. Verlagsverträge gibt, auf individuelle Situationen eingeht (z.B. bei einer Behinderung) etc. Ein*e Autor*in handelt sozial, wenn sie ihre Rechnungen an die Designer*innen, Lektor*innen und andere Dienstleister*innen pünktlich bezahlt, ihnen keine utopischen Liefertermine gibt oder sich einfach nicht arschig verhält, AGBs einhält etc. Aber es geht noch weiter. Als Autor*innen schreibt ihr Texte für Leser*innen. Diese sind Teil der Gesellschaft.

Autor*in und Gesellschaft

Das, was ihr schreibt, beeinflusst die Gesellschaft, sowohl im Ganzen, wie auch im Einzelnen. Es hat schon Bücher gegeben, die ganze Gesellschaften umgeworfen oder verändert haben, eine denke nur an Marx und sein Kapital. Es gibt immer stärker feministische oder allgemein politische Literatur, die auf Missstände aufmerksam macht, alternative Lösungsvorschläge anbietet, Mut macht und weiterbildet. Das trägt dazu bei, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt: in ihrem Verhalten, in ihrer Denkweise, in Werten und Normen.

Diesen Einfluss haben auch Belletristik-Autor*innen, denn sie erreichen mit ihren Geschichten eine viel breitere Masse. Und ein jugendlicher Mensch wird vermutlich eher zum YA-Roman greifen als zu Marx. Dieser Einfluss auf die Gesellschaft ist wichtig. Denn Menschen lernen aus Geschichten. In der Religion nennt man sowas Gleichnis; es wird eine Geschichte erzählt, aus der die Gläubigen dann ein bestimmtes Verhalten adaptieren sollen. Dies findet sich zum Beispiel auch bei Kinderbüchern: „Schau, die Conni putzt sich auch jeden Morgen und jeden Abend die Zähne, also kannst du das auch“. Nachvollziehbar, dass das auch bei Erwachsenen gut funktioniert. Nicht umsonst heißt es in jedem Kommunikationsratgeber: Erzählen Sie eine Geschichte, um ihr Anliegen zu verdeutlichen. Im Marketing: Erzähl eine Geschichte um dein Produkt. In Sachbüchern wird in Geschichten (Fallbeispielen) das Thema erklärt. Aus Geschichten wird gelernt. Was in Geschichten erzählt wird, wird sich einfacher gemerkt, schneller verinnerlicht. Deshalb haben auch Geschichten in der Belletristik einen großen Einfluss auf die Gesellschaft. Die Leser*innen lernen daraus.

Lehsen pildet

Vor diesem Hintergrund ist es demnach sehr einfach zu verstehen, dass Geschichten, die Rassismus, Sexismus und jegliche Art von Diskriminierungen und Gewalt verschweigen, relativieren, als „Normal“ abstempeln, sehr schädlich für die Weiterentwicklung der Gesellschaft sein können.

In den Gegenstimmen zum Autor*innensonntag heißt es jedoch, dass Menschen doch wohl unterscheiden können zwischen Fiktion und Wirklichkeit. NA KLAR. Hat ja auch niemand etwas anderes behauptet. Ein Kind weiß, dass es die Conni nicht wirklich gibt, trotzdem putzt es sich die Zähne. Ein gläubiger Mensch weiß auch, dass es den guten Samariter vielleicht nie gegeben hat, trotzdem verhält sich der Mensch danach (ist jedenfalls zu hoffen). Also wissen auch die Leser*innen, dass es den glitzernden Mr. Kontrolletto aus dem Fantasy-Roman nicht in echt gibt, aber sie lernen daraus. Sie lernen, dass es normal ist, seine Partner*in zu kontrollieren, unter Druck zu setzen, sie zu Sachen zu zwingen, die sie eigentlich gar nicht will, zu erpressen und sie psychisch leiden zu lassen. Und dann lassen sie es mit sich selbst machen. Oder werfen glatt ihrem Partner vor, sie nicht richtig zu lieben, weil er sich nicht arschig genug verhält. Es wird immer gern gesagt, dass es doch gerade die jungen Mädchen sind, die anfällig dafür sind. Doch es sind auch erwachsene Menschen, die solche Romane lesen. Erwachsene Menschen, die vielleicht Kinder erziehen.

Wenn wir zum Beispiel den Horror-Roman nehmen. Sicherlich, es ist hier klar, dass wir daraus nicht lernen, wie man eine Zombie-Apokalypse übersteht (oder vielleicht doch). Aber in solchen Romanen, geht es um Überleben, Ethik, Moral, Denkweisen, Zusammenhalt in Gruppen, Freundschaften etc. Das bleibt hängen.

In einem Krimi oder Thriller wird sich (hoffentlich) niemand mit dem Serienkiller identifizieren. Aber es geht um die Darstellung von Gewalt, die Zuschreibung von weiblich gelesenen Personen als Opfer sowie People of Colour als Täter*innen, Trauer der betroffenen Familien, moralische Auseinandersetzungen, Einblicke in schreckliche Kindheiten und Erlebnisse etc. Auch das bleibt hängen. Und weil das nicht vollkommen utopisch ist, wie der Zombie-Roman, und es tatsächlich Feminizide, Kindesmissbrauch, Gewalt in der Ehe, psychische Störungen etc. gibt, können Leser*innen auch an eigene Erfahrungen erinnert werden, die sie nachträglich zerstören können. Daher gibt es Content Notes. Die sollte man einsetzen, wenn man Verantwortung übernehmen möchte für Personen in der Gesellschaft, deren Leben kein Ponyhof war. Trotzdem können auch solche Leute Spaß einem guten Thriller haben.

Deshalb setzt sich auch Diskriminierung fest, denn grundsätzlich nehmen wir den Umgang mit anderen Menschen aus den Geschichten mit. Stirbt der homosexuelle Charakter in deinen Büchern grundsätzlich zuerst, wird damit impliziert, dass Homosexualität schlecht ist: „Siehst du, das passiert, wenn du schwul bist.“ Werden Personen, die of Color sind, nicht hetero-normativ sind oder vielleicht einfach nur einen anderen Lebensstil haben oder ein Aussehen, das nicht den westlichen Schönheitsidealen entspricht, problematisch dargestellt, werden sie in Geschichten diskriminiert, lächerlich gemacht, falsch dargestellt, setzt sich das fest. Einige Leser*innen werden empört reagieren und zerreißen dein Buch auf Blogs. Andere lernen aber, dass es ok ist, das dicke Mädchen oder den Jungen mit der Gehbehinderung zu drangsalieren, weil der eine Typ in deiner Geschichten macht das ja auch und kommt damit weg. Generell solltest du dir viele Gedanken um deine Charaktere machen und dazu gehört auch, welche Hautfarbe sie haben, welcher Sexualität sie sich zugehörig fühlen, welches Geschlecht sie überhaupt haben, welche Behinderungen sie haben oder nicht, und so weiter. Wenn du problematische Themen behandelst, darfst du nicht nur eine Seite beleuchten, sondern musst dich mit allen Facetten auseinandersetzen. Kannst du die einzige weibliche Person durch eine Stehlampe austauschen? Denk noch mal drüber nach, ob die Figur nicht ein bisschen mehr Tiefe verdient hätte.

Jaaaa. Nett, aber was habe ich davon? Oh, sehr gutes Thema.

Gewinn und Nutzen

Also erstmal bist du nicht nur ein*e gute Autor*in oder ein guter Verlag, wenn du Verantwortung übernimmst, sondern auch ein guter Mensch. Sollte das nicht Gewinn genug sein? … … Natürlich. Aber es geht noch weiter. Wenn du Verantwortung übernimmst, bekommst du zum „Guter-Mensch-Paket“ noch das „Marketing-Paket“ oben drauf:

Als Autor*in oder Verlag kannst du das für dich im Marketing nutzen. Du kannst damit Werbung machen, dass du zum Beispiel in einer Anthologie zum Großteil Frauen aufgenommen hast, weil Frauen in der Literatur in vielen Bereichen unterrepräsentiert sind. Du bringst Romane von Own-Voice Autor*innen raus – sehr gut, bewerbe das. Du schreibst über eigene Erlebnisse, betone das. Solche Sachen werden gesucht. Von Leuten, die betroffen sind. Eine homosexuelle Person wird dringend nach Geschichten von und mit homosexuellen Menschen suchen, weil sie sich damit repräsentiert fühlt. Eine Person of Color wird gezielt nach Geschichten mit Protagonist*innen suchen, mit denen sie sich identifizieren kann – nein, der schwarze Triebtäter in deinem Thriller zählt nicht dazu.

Wenn du also einen diversen Cast hast, kannst du viel mehr Leser*innen erreichen und zu Fans von mir machen. Dies kann sich dann nicht nur positiv auf deine Verkaufszahlen auswirken, sondern auch auf dein Image als Marke. Economy ik hör dir trapsen. Es ist also nicht nur im Interesse von diskriminierten und marginalisierten Gruppen, wenn du sie in eine Geschichte einbeziehst und ihnen ein positives Bild gibst, sondern es wirkt sich auch direkt auf dich und einen Ruf aus. Die Gruppe der Leser*innen, die bestimmte Autor*innen nicht mehr lesen, weil sie z.B. keine Content Note verwenden, weil sie rassistisch und / oder sexistisch schreiben, wird immer größer. Und mal ehrlich: Wer will gern ein Buch lesen, wo die Gruppe, der man angehört, scheiße dargestellt wird. Ich lese zum Beispiel keine Bücher mehr von einem gewissen Phantastik-Autor, weil der dermaßen sexistisch ist, dass es mir hochkommt, wenn ich nur die Klappentexte seiner Bücher lese. Und da bin ich nicht die Einzige. Die Literaturbranche wird immer vielfältiger. Und solche Bücher werden dann halt irgendwann nicht mehr gelesen.

Sei ein*e gute Autor*in! Übernimm Verantwortung.

Veröffentlicht von anjafrieda

Autorin von Steampunk und Urban Fantasy

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: